Eigentlich dachte ich, ich wäre ein Geek. Ein wenig abgedreht, nicht 100% an die ‘herkömmliche’ Gesellschaftsform angepasst, aber immer noch fähig, mit Menschen reden zu können, so dass sie mich verstehen. Und natürlich auch, dass ich anderen Menschen mein Wissen vermitteln kann.
Tja, es ist schon hart erkennen zu müssen, dass man eher aus der Nerd-Ecke kommt. Außerdem wurde mir gestern mal wieder ganz klar, dass ich kein Selbstvertrauen habe. Mal abgesehen davon, dass Leute, denen ich versuche etwas zu erklären, immer schnell glasige Augen bekommen, unterschätze ich mein Können. Ich stand nämlich vor einem großen Problem: Die Speicherung von Daten in einem Administrationstool ging immer in die Grütze, aber nur im tatsächlichen Einsatz. Lokal auf dem Rechner, also während der Entwicklung, war alles in bester Ordnung. Also schaute ich mir an, wie der Kollege das gelöst hatte.
Plötzlich erkannte ich das Problem: Um die Daten speichern zu können, ‘fummelte’ das Programm an der Datenbankstruktur herum, damit es keinen Fehler gibt. Das mag ja bei Datenbanken funktionieren, die im Testbereich stehen (da hat man herrlich viele Rechte), im produktiven Einsatz können wir froh sein, wenn das Programm Daten lesen und schreiben darf. Die Struktur jedenfalls ist davon ausgeschlossen. Dummerweise war die Fehlerbehandlung so gestrickt, dass sie zwar alle bisher vorgenommenen Änderungen rückgängig machte, das Programm dann aber kommentarlos in den Orkus schickte. Auf die Frage, wie lange ich wohl für die Behebung des Problems bräuchte, schätzte ich 2 Tage. Ich fühlte mich sehr unwohl dabei, denn ich hatte noch keine Idee, wo ich da den Hebel ansetzen sollte, um das Teil zu wuppen.
Am späten Nachmittag fing ich an mich zu langweilen, weil ich auf eine Mail in einem anderen Projekt wartete (ja, ich bin zu 200% ausgelastet). Also lud ich noch mal die Sourcen und fing an, Vorbereitungen zu treffen, damit ich später schneller fertig bin. Nach 15 Minuten hatte ich aber das Gesamtproblem behoben.
Das passiert mir immer wieder. Vor etwa 10 Jahren hatte ich den Aufwand für eine komplexe Änderung auf 3 Tage geschätzt, aber nach einer Stunde war ich fertig gewesen. Das hat nichts mit Genialität zu tun, vielmehr mit einer lausigen Einschätzung des tatsächlichen Umfangs und meiner Fähigkeiten. Und das kann man nicht trainieren, besonders letzteres.
Also ich finde, Du machst das instinktiv schon mal nicht schlecht – immer vorsichtig schätzen und genug Zeit für ein echtes Desaster einplanen. Der Fehler scheint bloss zu sein, dass Du andere wissen lässt, wie lange Du dann wirklich damit beschäftigt warst ;-).
Kein Wunder, erwarten die alle immer mehr…
Daher auch die „Überminuten“. Der Kleine kann die wohl sogar noch verrechnen…?! Man könnte schon neidisch werden. Bei „uns“ in der Firma sind Überzeiten offiziell verboten. Das heisst: Machen soll man sie schon, bloss verrechnen darf man sie nicht!
Ich mache das ganz schlecht, denn die offizielle Linie der Firma ist: Wenn du zu wenig schätzt (also weniger als den tatsächlichen Aufwand), ist das genauso schlimm, als ob du zu viel geschätzt hättest. In beiden Fällen musst du dich rechtfertigen. Und 1 3/4 Tage als Desaster? Das Desaster möchte ich gerne sehen, für das ich so viel Puffer benötige.
(Übrigens funktionierte meine Lösung auf Anhieb. Ich hätte es auch gestern auf die Menschheit loslassen können.)
Der „Kleine“ erzählte auch etwas davon, dass er in der Personalentwicklung arbeitete. (Es ist erschreckend, wie viel man in der Öffentlichkeit erfährt, wenn man einfach nur zuhört.) Überstunden sind bei uns erlaubt, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Am Ende des Monats dürfen maximal 35 Stunden im Plus stehen (Betriebsvereinbarung). Aber Arbeitgeber wären nicht Arbeitgeber, wenn sie nicht für das eine oder andere Schlupfloch gesorgt hätten. Und so kann man deutlich über 100 Stunden ansammeln, ohne dass gegen die Betriebsvereinbarung verstoßen wird.